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Einleitung

Die Schrift ist bekanntlich ein Zeichensystem zur Schreibung bzw. Umsetzung der gesprochenen Sprache. Die heute verwendeten  Zeichensysteme unterscheiden sich je nach Erdteil und gesprochener Sprache in der Form, Zusammensetzung und Art der Verwendung voneinander. Die Schrift ist ein dynamisches System, das sich über viele Jahrhunderte zu den uns heute bekannten Zeichensystemen entwickelt hat.


Eine der wichtigsten und am häufigsten benutzen Schriften unserer Zeit ist die arabische Schrift. Durch die enge Verknüpfung mit dem Islam wird sie in vielen Ländern Asiens und Afrikas verwendet. Doch wann und wo entstand diese Schrift, was waren die Ursachen für deren Verbreitung und was unterscheidet die arabische Schrift von der Lateinschrift? Welchen wissenschaftlichen Wert haben Schriftstücke der vergangenen Tage und welche Rolle spielt diese Schrift im kulturellen und religiösen Bereich?

 
Ziel der vorliegenden Seminararbeit ist, einige Hintergrundinformationen sowie passende Antworten auf die oben aufgeführten Fragen zu erarbeiten, wobei ich darauf hinweisen möchte, dass die Arbeit sich hauptsächlich mit der arabisch-persischen, also im Iran verwendeten Schrift, auseinander setzt.



Historischer Rückblick

Ursprung und Entstehung der arabischen Schrift

Hinsichtlich des Ursprunges der arabischen Schrift wird in der heutigen modernen arabischen Paläografie zwischen drei Hypothesen unterschieden: die „Himyariten-Hypothese“ (Süd-Hypothese), welche den Ursprung der arabischen Schrift auf die „himyaritische Musnad-Schrift“ zurückführt, die „Hiraiten-Hypothese“ (Nord-Hypothese), die den Ursprung in der „ag-Gazm“ Schrift zu erkennen glaubt, und drittens die sogenannte „neue westliche Hypothese“, welche die aramäische Schrift als Ursprung der arabischen Schrift sieht.[1]

In den Auseinandersetzungen um den Ursprung der arabischen Schrift geht es mehr um ideologische als um wissenschaftliche Auseinandersetzungen. Als einzige wissenschaftlich 100% korrekte Hypothese kommt nur die neue westliche Hypothese in Frage. „Die arabische Schrift wurde mit Sicherheit von den Nabatäern entwickelt, die ausschliesslich Araber waren. Grosse Gelehrte wie N. Abbott, J. Friedrich, H. Jensen, A. Grohmann und viele andere bestätigen dies, obwohl die arabische Literatur dieses Thema bis heute kontrovers diskutiert. Doch handelt es sich dabei grösstenteils um ethnische Streitereien, die Jahrhunderte in die Geschichte der Araber zurückreichen und mit dem heutigen Wissensstand nichts zu tun haben.“[2]


„Die Nabatäer waren arabisch-semitsche Nomadenstämme, die das Gebiet von Nordarabien bis zum nördlichen Ostjordanland bewohnten.“[3]

Zwischen dem 6 Jahrhundert v. Chr. und dem 6 Jahrhundert n. Chr. bildeten sich die nabatäischen, iranischen und indischen Schriften aus dem dritten Zweig der phönikischen Schrift, dem Altaramäischen heraus. Die altaramäische Schrift wurde ungefähr im 9 Jahrhundert v. Chr. entwickelt und diente im Verlauf des 2 Jahrhunderts v. Chr. als internationales Verständigungsmittel für den vorderen Orient sowie Ägypten. Die Verbreitung des Altaramäischen reichte von Nordafrika über Kleinasien bis hin nach Indien, was die Berücksichtigung dieser Schrift als wichtiger Faktor für die Entwicklung der nabatäisch-arabischen Schrift verlangt, welche die heutige arabisch Schrift sehr stark geprägt hat.[4]

Die Analyse vieler aus früherer Zeit stammenden Inschriften und der Vergleich zwischen der arabischen und nabatäischen Schrift haben ergeben, dass eine feste direkte Stammfolge vorhanden ist, und dass das Arabische dem Nabatäischen entlehnt ist.[5]

 

2.2. Ursachen für die Durchsetzung und Verbreitung der arabischen Schrift

Nach der Entstehung des Islams und der Durchsetzung der neuen Lehre wuchs die Anzahl der Moslime von Tag zu Tag. „In weniger als zwanzig Jahren eroberten die arabischen Armeen fast die gesamten damals bekannten Kulturländer des vorderen Orients: Ägypten, Syrien, Mesopotamien, Persien und Cyrenaika.“[6]

Im Jahr 635 wurde Syrien erobert und wenig später, im Jahr 638 nämlich, fand die Eroberung Palästinas statt. Zwischen 636 und 642 folgte dann die Zerstörung des persischen Reiches. In den folgenden Jahren fand dann die arabische Invasion in Nordafrika statt. Bis zum 12 Jahrhundert hatte sich der Islam im gesamten nordafrikanischen Gebiet und durch die Sahara verbreitet.

Ein sehr wichtiger Grund für die Entstehung einer raschen einheitlichen arabischen Kultur und die Verbreitung der Sprache und der Schrift in vielen Ländern war u.a. die Tatsache, dass der Koran nicht übersetzt werden darf. Dies bedeutet für den gläubigen Moslem, dass er, um aus dem heiligen Buch lesen zu können, die Schrift beherrschen muss. Neben der Islamisierung der Gesellschaft stellte die Arabisierung des Verwaltungsapparates einen anderen wichtigen Faktor für den kulturellen Aufbruch dar. „Allmählich begann die arabische Schrift sich in der offiziellen Sphäre durchzusetzen. Hierzu trugen vor allem die Inschriften auf den Münzen sowie in und an den Moscheen bei.“[7]

 

Die Schrift

Bemerkungen zur Schrift

Die persisch-arabische Schrift ist im Gegensatz zur lateinischen Schrift eine linksläufige Kursivschrift, die aus Konsonanten und den langen Vokale besteht. Die Kurzvokale werden in der Regel nicht repräsentiert. Die Buchstaben dieser Schrift werden sowohl in der Schreibschrift als auch in der Druckschrift - mit Ausnahme von sieben Buchstaben (siehe 3.2.) - durch Verbindungsstriche mit den nachfolgenden Buchstaben im Wortverband verbunden. In der Wissenschaft bezeichnet man eine solche Schrift als Kurrentschrift. Als Satzzeichen werden die uns aus der Lateinschrift bekannten Zeichen wie Punkt, Komma, Semikolon, Doppelpunkt, Ausrufezeichen, Fragezeichen, Klammern usw. mit geringfügigen Unterschieden verwendet.[8]

„Die Umschrift arabischer und persischer Wörter gewichtet bequeme Lesbarkeit mehr wissenschaftliche Ansprüche.“[9]

Die Lesbarkeit der persisch-arabischen Schrift wird, wie in der Lateinschrift, durch die Gestaltung von Abständen zwischen den Buchstaben innerhalb eines Wortes und den Wörtern selbst erreicht, da das Auge beim flüssigen Lesen bekanntlich keine einzelnen Buchstaben, sondern ganze Wortbilder erfasst.

 

Das Alphabet und seine Eigenschaften

Das Alphabet ist aufgrund der Interaktion mit Mensch und Kultur ein dynamisches System. Aufgrund dieser Tatsache entwickelten sich aus den arabischen Schriftzeichen drei Hauptalphabete: das arabische (bestehend aus 28 Buchstaben), das maghrebinisch-arabische und das persisch-arabische (bestehend aus 32 Buchstaben), wobei sich die ersten beiden nur in der Reihenfolge der Buchstaben unterscheiden, das persisch-arabische hingegen zusätzliche Buchstaben und andere Vokale besitzt, da dessen Ursprung das Aramäische ist.[10]

Die ursprüngliche Mehrdeutigkeit der aramäischen und nabatäischen Schriftzeichen hat man durch die Einführung diakritische Punkte beseitigt.[11]

Die persisch-arabischen Schriftzeichen findet man in freier und verbundener Form vor, wobei die freien Formen als Grapheme und die verbundenen Formen als Allographe bezeichnet werden.[12]  Dies ist ein weiterer gravierender Unterschied zur Lateinschrift. In der Lateinschrift (z. B. Druckschrift) kennt man nur ein vereinzeltes Buchstabensytem, in dem zwischen Gross- und Kleinschreibung unterschieden wird. In der persisch-arabischen Schrift ändert sich die Form für die meisten Buchstaben gemäss ihrer Position im Wort, wobei die meisten Buchstaben eines Wortes miteinander verbunden sind. Allerdings werden die Buchstaben nach ihrer Verbindbarkeit innerhalb eines Wortes unterschieden und in zwei Gruppen unterteilt: Buchstaben, die sich nur von rechts verbinden lassen (7 Schriftzeichen) und die übrigen Buchstaben, die von beiden Seiten mit vorhergehenden und nachfolgenden Schriftzeichen verbunden werden können.[13] 

 

Schreibinstrumente

Als wohl wichtigstes Schreibinstrument der persisch-arabischen Schrift kann wohl die Rohrfeder (arabisch Qalam) genannt werden. Der Qalam wird in der Regel schräg geschnitten, damit durch das Variieren des Winkels der Hand und des Armes nach belieben unterschiedlich dicke und dünne Linien geschrieben werden können.[14]

Die Rohrfeder gilt im Islam als edelste der Schreibgeräte. „Die Erwähnung der Rohrfeder im Koran und in der Tradition (...) sicherten

diesem Schreibgerät von vornherein ein besonderes Ansehen.“[15] Die Erwähnung des Schreibrohrs im Koran geschieht an zentraler Stelle. Die Offenbarung des Korans durch den Engel Gabriel an Mohammed beginnt mit folgenden Zeilen: <<Trag vor! Dein Herr ist edelmütig wie niemand auf der Welt, er, der den Gebrauch des Schreibrohrs gelehrt hat.>> (Koran 96.3-4).[16]  Zusätzlich sorgen Aussprüche des Propheten dafür, dass die Bedeutung des Qalam über die einfache Funktion als Schreibgerät hinaus wächst. In einem Gedicht heisst es:

„Durch den Qalam erhält das Sein Gottes Befehl.

Von Ihm erhält die Kerze des Qalam ihr Licht.

Der Qalam ist eine Zypresse im Garten des Wissens.

Der Schatten ihres Befehls breitet sich aus über den Staub. (Minorsky)“[17]

Dem Qalam wird also eine spirituelle, gar metaphysische Bedeutung beigemessen. Es ist mit grossem Nachdruck darauf hinzuweisen, dass der Qalam eine tragende und entscheidende Rolle in der Entwicklung der arabischen Schrift und Kalligrafie gespielt hat. Mit der Zeit entwickelte man eine Reihe von Vorschriften für den Qalam, den Ort wo er wachsen soll, die Art wie man ihn zurecht schneidet und vor allem wie man ihn hält.

Im Zusammenhang mit dem Qalam spielte natürlich die Tinte eine ebenso wichtige Rolle. Im islamischen Raum legte man schon immer grossen Wert auf eine sorgfältige Herstellung der Tinte.[18] Ibn Muqla, der eine der wichtigsten Figuren in der Kalligrafie der arabischen Schrift ist (siehe 6.4.), bezeichnete eine aus Erdölschwärze zubereitete Tinte als die Beste. „Man nimmt hiervon 3 Pfund, die man aufs Beste durchsiebt und gereinigt hat, legt sie in eine Bratpfanne und schüttelt darauf drei mal soviel Wasser, ferner 1 Pfund Honig, 15 Dirham Salz, 15 Dirham zerstoßenen Gummi und 10 Dirham Galläpfel.“[19]

Im Laufe der Zeit entwickelte man viele weitere Rezepte für optimal bindende, lang anhaltende und gut riechende Tinten. Die unterschiedlichen Kreationen reichten bis hin zur Goldstaub enthaltenden Goldtinte. Die Grundbestandteile der Tinte waren und sind jedoch Russ, Wasser und Gummi Arabicum.[20]

Während der nachfolgenden Jahre entwickelte und übernahm man viele andere Schreibinstrumente. In der heutigen Zeit verwendet man für alltägliche schriftliche Arbeiten die auf der gesamten Welt üblichen Schreibinstrumente wie Bleistift, Kugelschreiber oder Füller. Der Qalam wird jedoch noch heute für kalligrafische Schriften an erster Stelle verwendet.

 


Beschreibstoffe

Die wichtigste Rolle für die Entwicklung und Änderung der Schrift und der Schriftarten spielten neben den Schreibinstrumenten die Beschreibstoffe.

Als wichtigste Beschreibstoffe nach Entwicklung der arabischen Schrift seien Papyrus, Palmblätter und Rippen, Bast, Holz, Linnen, Baumwolle und Papier  u.a. genannt.[21] Da das Eingehen auf jeden einzelnen Stoff den Rahmen dieser Seminararbeit sprengen würde, werde ich im folgenden Abschnitt einige Erläuterungen zu Papyrus und Papier vornehmen.

Papyrus, von dem der heutige Name des Papiers abstammt, wurde von ägyptischen Priestern um ca. 3300 v. Chr. erfunden. Das dafür verwendete Rohmaterial, die Papyrusstaude (Cyperus Papyrus L.), fand man in Ägypten in grossen Mengen  vor. Aufgrund dieser Tatsache galt der Papyrus lange Zeit als Monopol Ägyptens. Zu den grossen Vorteilen des Papyrus zählten u.a., dass er im Vergleich zu Leder, Pergament, Holz und Tontafeln leichter zu behandeln war. Ein weiterer Vorteil lag darin, dass man unabhängiger vom Rohmaterial war, das an sich knapp war wie z. B. die richtige Sorte Holz, oder das aufgrund geringer Erzeugung beschränkt war wie z. B. Leder und Pergament.[22] Schnell hat man in Ägypten die Wichtigkeit der Papyrusstaude erkannt und mit der Kultivierung der Pflanze begonnen. Nach der Eroberung Syriens und Ägyptens, wurden die Araber besser vertraut mit dem Ihnen bis dahin nicht gut bekannten Beschreibstoffs. Der Papyrus erlangte schnell grosse Beliebtheit unter offiziellen Stellen wie z.B. den Kalifaten. „In der Folgezeit wurde die Korrespondenz der Kalifen auf Papyrus erledigt, da es nicht möglich sei, darauf Geschriebenes auszuradieren oder zu verändern“[23] Im Laufe der Jahre erwies sich Papyrus jedoch als gebrechliches Material, was auch sehr gut an Sammlungen zu beobachten ist. Die auf Papyrusrollen geschriebenen Urkunden und Dokumente wurden in Hüllen aus Pergament gewickelt und in Tonkrügen aufbewahrt.[24] Unter anderem wurden aus diesem Grund neben dem Papyrus andere Beschreibstoffe nach wie vor verwendet bis Papyrus, Leder, Pergament usw. nach und nach durch das Papier komplett ersetzt wurden.

„Vor den kriegerischen Ereignissen, in deren Verlauf chinesische Papiermacher nach Samarqand kamen und hier sowie in anderen Städten des Abbasidenreiches Papiermühlen errichtet wurden, bediente man sich neben Papyrus, Pergament und Leder des sogenannten chinesischen Papiers.“[25] Die Vorteile des Papiers waren ähnlich der Vorteile des Papyrus: Das Fälschen und Auskratzen der geschriebenen Texte war so gut wie nicht möglich. Zu den weiteren Vorteilen des Papiers zählte, dass man viele unterschiedliche Sorten herstellen konnte. Das Al-Qalqasandi-Papier (Bagdadpapier) z.B. war fest und zart mit dünnem Rand und gleichmässiger Verteilung von Partikelchen und war von reichlich grossem Format. Das Papier der Maghrebiner und Franken hingegen war schlecht, da sie von schneller Abnutzung, nicht lange anhaltender Lebensdauer war, weshalb man in manchen Ländern den Koran nach wie vor lieber auf Pergament schrieb.[26]

Das für die heutige Kalligrafie verwendete Papier wird in vielen Fällen bearbeitet und vorbereitet. Um eine optimale Bindung der Tinte durch das Papier zu erreichen, wird das Papier unter anderem mit einem Gemisch auf der Grundlage von Eiweiss bearbeitet.[27]  

 

 

Kalligrafie

Erläuterungen zur Wichtigkeit der Schrift als Kunstform im Islam

Im Islam wird die Schreibkunst als wichtigste der bildenden Künste betrachtet. Verantwortlich für diese Entwicklung ist einmal die Tatsache, dass die Schreibkunst in erster Linie gebraucht wird, um heilige Texte aus dem Koran oder die Überlieferungen des Propheten zu schreiben. Der zweite ausschlaggebende Grund für diese hohe Bedeutung der Schrift kann auf das nicht absolut wirksame Verbot von Abbildungen im Islam zurückgeführt werden. Dieses Verbot wurde allerdings an heiligen Orten, wie etwa einer Moschee, streng eingehalten.[28]

Während diverse Abbildungen in Form von Gemälde oder Skulpturen prachtvolle europäische Kirchen schmücken, werden Moscheen u.a. durch die zahlreichen kalligrafischen Inschriften und Ornamenten zu grossen Kunstwerken.

Trotz kolonialer Penetration und das Eindringen vieler westlichen Gedankenguts im kulturellen Bereich, hat sich die Kalligrafie als die mit dem Islam am engsten verbundene Kunst behaupten können.

In der Türkei entstand eine Krise der Kalligafie durch die Absetzung der Osmanen und die Gründung der türkischen Republik. Auslöser dafür war die Abschaffung der arabischen Schrift im Jahre 1928 und die Schließung mehrerer Kalligrafieschulen durch den Gründer der Republik Atatürk.[29] Dennoch hat die Kalligrafie in der Türkei auch heute eine große Bedeutung, was nur auf die enge Verbindung mit dem Islam zurückzuführen ist.

 

 

Ziele der Kalligrafie

Das Kunstverständnis der Europäer unterscheidet sich in Bezug auf einige Kunstformen enorm von der Haltung der Muslime zur Kunst. Dies trifft unter anderem für die Kalligrafie zu. Während das Kunstverständnis der Europäer stark vom Altertum geprägt ist, handelt es sich im Islam um eine ganz eigene Haltung. „Es geht ihr nicht um Ausdruck des Individuums und dessen Versuch, dessen Freuden, Leiden und Leidenschaften darzustellen. Statt dessen versucht die islamische Kunst die Welt als Schöpfung Gottes zu fassen und zu spiegeln.“[30] Um dieses Ziel zu erreichen, bedient sich die islamische Kunst abstrakter Mitteln. Jedem Muslim ist schließlich eindeutig bewusst, dass die Welt allein der Schöpferkraft vom Allah unterstellt ist, der sie hervorgebracht hat und dem ganzen seinen Sinn verleiht. Die Kunst im klassischen islamischen Sinne ist ein Mittel, das Weltbild  des gläubigen  Moslems in dieser Hinsicht zu bestärken.

Die Kalligrafie als Kunstform soll der Schwiegersohn des Propheten, sein enger Vertrauter und der erste Schiitenführer Ali eingeführt haben.

Im Islam wird die Kalligrafie vor allem verwendet, um religiöse Texte, Auszüge aus dem Koran sowie überlieferte Aussprüche des Propheten wiederzugeben. „Es gilt: Die Schönheit der Schrift soll die hohe Bedeutung des Textes betonen.“[31] Ich möchte dennoch ausdrücklich darauf hinweisen, dass die Bedeutung der Kalligrafie über die Vermittlung von inhaltlichen Botschaften hinausgeht. An sakralen Orten und in religiösen Gebäuden hat sie die überaus wichtige Aufgabe, die spirituelle Atmosphäre dieser Örtlichkeiten auszudrücken und zu verstärken. „Der Besucher wird durch die von ihm als sakral geladen erkannte Kalligrafie in seiner religiösen Gemütslage gestärkt, ohne dass er die Texte zwingend lesen kann.“[32]

Die Kalligrafie wird im Iran nicht nur verwendet, um religiöse Texte zu präsentieren. Die Werke der iranischen Weltdichter, Dichter und Gelehrte werden mittels kalligrafische Schreibstile zu noch grösseren Kunstwerken. Bei Gedichten z.B. erlebt der Leser den emotionalen schöngeistigen Charakter der Schrift im Zusammenspiel mit dem Inhalt der Gedichte und umgekehrt. Diese Tatsache kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Das studieren von in Schönschrift geschriebenen Gedichten von Hafez, Sa’di oder Ferdawsi dringt wesentlich tiefer in die Seele ein als das Lesen von den selben Gedichten in Druckschrift.

 

 

Variationen

Der Schreibkunst liegen strenge Gesetze zugrunde. Jede Schriftart besitzt ihre eigenen festen Regeln. Die einzelnen Buchstaben innerhalb einer bestimmten Schriftart lassen sich im wesentlichen nicht abändern. Dennoch ist der Kreativität des Kalligrafen durch das Reichtum der Schrift an Linien und Schwingungen und Überlagerungen verschiedener Buchstaben, durch ihr Einschreiben in bestimmte geometrische Formen und durch die Anpassung an das gesamte Schriftbild kaum Grenzen gesetzt. Der Kalligraf ist also imstande den selben Gestaltungsgegenstand mit dem gleichen Inhalt mittels Kombination und Komposition unterschiedlich darstellen. Wie bereits erwähnt wird hier die Kunst zum Abbild der Schöpfung Gottes. Das wichtigste Beispiel hierfür ist das Ornament. „Ornamente sind immer ein Ausdruck der Vielfalt innerhalb einer Ordnung.“[33] Der Vielfalt und Abwechslung des Ornaments liegt ein Gesetz zugrunde, das die Regelmässigkeit innerhalb des Figurenreichtums des Ornaments bewirkt. Jedes Ornament ist praktisch als Symbol der göttlichen Schöpfung anzusehen, wie der Muslim sie kennt: bunt, unendlich vielfältig, reich und labyrinthisch und dennoch einem höheren Gesetz unterstellt, das deutlich zu erkennen ist.[34] 

 

 

Im Iran bevorzugt geschriebene und andere Schreibstile 

Im Laufe der Zeit bildeten sich viele kalligrafische Schreibstile heraus. Der Ursprung der  Kalligrafie wird in der nach der Stadt Kufa im heutigen Irak benannte Schrift Kufi gesehen, die als ein Überbegriff für verschiedene eckige, archaisch wirkende Stilrichtungen gilt. Der eckige Charakter der Schrift wird auf die Beschreibstoffe der früheren Zeit zurückgeführt, welche unter anderem gewöhnliche Steinplatten waren.

Mit der Weiterentwicklung der Beschreibstoffe und Verbesserung der Stifte, wurde auch die Schrift weicher und kurviger.

„Die Entwicklung der heute üblichen kursiven Stile Naskh, Thuluth, Muhaqqaq, Riqa, Rihani und Tauqi wird Ibn Muqla zugeschrieben, der im Bagdad des 10. Jahrhunderts lebte.“[35] Abgekoppelt von den Konzepten des Ibn Muqla entwickelte sich im Westen der islamischen Welt der Schreibstil Maghribi direkt aus dem Kufi. Ibn Muqla galt als grosser Standardisierer der arabischen Schrift. Er legte den oben genannten sechs kursiven Stilrichtungen ein auf Punkte als Grundeinheit beruhendes Masssystem zugrunde. „Ibn al-Bawwab im 11. Jahrhundert verfeinerte und standardisierte diese Stilarten.“ [36] Als ein weiterer prägender, stilbildender Mann in der Geschichte der Kalligrafie, sei der im 13. Jahrhundert in Bagdad lebende Yaqut al-Mustasimi genannt, der die Eroberung und Zerstörung Bagdads durch die Mongolen im Jahre 1258 erleben musste. Danach verlagerte sich der Schwerpunkt aller islamischen Künste und somit ebenfalls der Kalligrafie in die iranischen und türkischen Gebiete.[37]

Im Iran unterlief die Schriftart Naskh gewissen Veränderungen im Laufe des 11 Jahrhunderts. Während des 13 Jahrhunderts wurde dann die Schrift Ta’liq verwendet, welche Elemente aus Naskh, Tawqi und Reqa’ beinhaltete. Diese Schrift wurde hauptsächlich verwendet, um Bücher und Diwane niederzuschreiben.[38]

Auf der Basis von Ta’liq entwickelten sich später die beiden für den Iran typischen und hauptsächlich verwendeten Schreibstile Nasta’liq (14 Jahrhunderts) und Shekaste-Nasta’liq (17 Jahrhundert). Die Schriftart Nasta’liq wurde innerhalb kurzer Zeit aufgrund ihrer Kompaktheit und der Schnelligkeit, mit der man sie schreiben konnte äusserst beliebt, so dass seit den Anfängen des 15 Jahrhunderts die Perser die meisten schriftlichen Arbeiten in dieser Schriftform erledigten. Die muslimischen Inder, die Osmanen und die Ägypter übernahmen manche Charakterzüge dieser Schriftart. Auf der Basis von Nasta’liq wurde später Shekaste-Nasta’liq entwickelt, eine Schriftart, die sich noch schneller schreiben liess. Eine irreguläre Art der Shekaste Schrift wurde lange Zeit in Behörden und Regierungsämtern und anderen offiziellen Institutionen benutzt, um Briefe, Dokumente und Berichte zu verfassen.[39]

In den islamischen Ländern wurden einzelne Schriftarten für ganz bestimmte Zwecke verwendet. Als Hauptstil für Bücher und Zeitschriften konnte sich Naskh durchsetzen, während Ruqa hauptsächlich für die Handschrift verwendet wurde. Zur Ausschmückung von Moscheen dienen Thuluth und Dschali Thuluth.  Für die Erlasse des Sultans wurde Dschali Diwani und für die Administration des osmanischen Reiches Diwani entwickelt. „ Beide zuletzt genannten Stilarten sind bedacht sehr kompliziert konzipiert, weil dies die Fälschung offizieller Dokumente erschwert.“[40] Wie bereits angesprochen setzten sich im Iran Nastaliq/Taliq und Shekaste durch. 

 

 
Paläografie der persisch-arabischen Schrift


Begriffsdefinition

Unter Paläografie versteht man die Wissenschaft von im Altertum verwendeten Schriften, ihrer Entdeckung, ihren Formen und Mitteln. Unter Paläografie der arabischen Schrift versteht man analog die Wissenschaft von der arabischen Schrift der vergangenen Zeit.[41]  Der Erforschungszeitraum der arabischen Paläografie ist festgelegt auf die Zeit zwischen 300 n. Chr. bis 1400 n. Chr..[42]Wie bereits im Punkt 2.2. angesprochen waren die Araber die Träger und Verbreiter des Islams und somit auch der nach ihnen benannten Schrift.

Die logische Folge davon ist, dass man in der Paläografie der arabischen Schrift all das einbeziehen muss, was Völker wie Perser oder Türken u.a. für diese Schrift geleistet haben und welche fremden Elemente an der Weiterentwicklung der arabischen Schrift beteiligt waren.[43]

 

 
Methoden der arabischen Paläograife

Wie in jeder anderen Wissenschaft existieren auch in der Paläografie unterschiedliche Methoden für eine optimale Ausbeute und Verarbeitung von Daten. Die arabische Paläografie bedient sich zur Verfolgung ihrer Aufgaben folgenden Methoden:

„1. das induktive Verfahren, das aus einer grösstmöglichen Zahl von beobachteten Einzelfällen allgemein gültige Leitsätze zu gewinnen sucht,

2.   das deduktive Verfahren, das von allgemeinen Sätzen ausgeht und durch deren logische Verarbeitung neue Aufschlüsse über das Besondere und Einzelne zu gewinnen trachtet,

3.   die Verbindung beider Methoden.“[44]

Die Grundlage hierfür bilden selbstverständlich in erster Linie die gefundenen Originale. An erster Stelle finden sich hier die Inschriften auf Stein und die Monumentalinschriften. [45] 

 
Die Palägrafie der arabischen Schrift schliesst bei ihren Untersuchungen eine Reihe von selbständigen Wissenschaftsgebieten und Disziplinen in sich, womit ich zu den unterschieden der arabischen zur griechischen bzw. klassischen Paläografie übergehen möchte.

 
 

Unterschiede der arabischen zur griechischen Paläograife

Die griechische Paläografie begrenzt sich auf die individuell geschriebenen oder gemalten Handschriften und unterscheidet sich z.B. von der griechischen Diplomatik, welche die spezielle Urkundenschrift wie etwa die Unziale erforscht, die vornehmlich von Römern und Griechen für Inschriften und Urkunden verwendet wurde. Im Gegensatz dazu findet man in der Pläografie der arabischen Schrift nicht etwa eine bestimmte Schriftart vor, die ausschliesslich oder hauptsächlich für Urkunden, Inschriften, Münzen usw. verwendet wurde, sondern man findet in oben genannten Quellen dieselben Schriftarten wie in Handschriften. Eine weitere Besonderheit der arabischen Paläografie ist die Tatsache, dass, man einen gewissen Parallelismus feststellen kann zwischen Stein-, Metall-, Holz-, Münzinschriften, welche ebenso modischen Wandlungen unterliefen wie die Handschriften beliebiger Beschreibstoffe. Dadurch verschwimmt die Trennungslinie der arabischen Paläografie und wächst die Forderung der engsten Zusammenarbeit mit der Epigrafik, Numismatik, Sphragistik, Heraldik, Diplomatik und der Handschriftenkunde.[46] 

 

 
Fazit

Der arabische Einfluss auf den gesamten Orient und Nordafrika ist bis heute nicht zu übersehen. Durch den bemerkenswerten Siegeszug der Araber und die Verbreitung des Islams im 7. Jahrhundert nahm eine Entwicklung ihren Lauf, welche die arabische Schrift im Laufe der Jahrhunderte zu der weltweit am meisten verwendeten Schrift neben der Lateinschrift machte. Die Bedeutung der Schrift als Kunstform und die mit ihr verbundenen Möglichkeiten der Variation und Vielfalt übertrifft jedoch die Lateinschrift um Längen. Die Kalligrafie gehört zu den wichtigsten der Künste und die durch sie zu übermittelnde Botschaft hat schöngeistigen und häufig spirituellen Charakter. Die arabische Schrift wurde in manchen Ländern während der Kolonialzeit durch die Lateinschrift ersetzt, in der Türkei durch Ata Türk gar abgesetzt. Dennoch bleibt sie ein wichtiger Bestandteil der Religion und somit der Kultur aller Länder, die einst mit den arabischen Verwaltungsapparaten in Berührung gekommen sind.


 

Literaturverzeichnis



Abdalla, M. Hazem Hussein

1997: Analyse der arabischen Schriftformen

Wuppertal, Druck der Bergischen Universität - Gesamthochschule Wuppertal im Fach Design

 

 

Ammann, Paul

1998: Meisterschreiber

Bern, Benteli Verlag

 

 

Azzam, Hamdy Mahmoud

1981: Der Islam

Stuttgart, Horst Poller Verlag

 

 

Grohmann, Adolf

1967: Arabische Paläographie

Wien, Hermann Böhlaus Nachf./ Graz - Wien - Köln

 

 

Kästner, Hartmut

1985: Aussprache und Schrift des Arabischen

Leipzig, Verlag Enzyklopädie

 


 

Majidi, Mohammad-Reza

1986: Einführung in die arabisch-persische Schrift

Hamburg, Helmut Buske Verlag

 

 

Yarshater, Ehsan

1990: Encyclopaedia Iranica

London, Routledge & Kegan Paul Ltd.

 
[1] Abdalla, 1997 S. 95

[2] Abdalla, 1997 S. 92

[3] Abdalla, 1997 S. 92

[4] Abdalla, 1997 S. 82

[5] Abdalla, 1997 S. 90

[6] Azzam, 1981 S. 45

[7] Abdalla, 1997 S. 175

[8] Kästner, 1992 S. 7

[9] Ammann, 1998 S.6

[10] Abdalla, 1997 S. 228

[11] Majidi, 1986 S. 1

[12] Majidi, 1986 S. 4

[13] Majidi, 1986 S. 5, 6

[14] Amman, 1998 S. 115

[15] Grohmann, 1967 S. 117

[16] Amman, 1998 S. 115

[17] Amman, 1998 S. 115

[18] Grohmann, 1967 S. 127

[19] Grohmann, 1967 S. 127

[20] Amman, 1998 S. 115

[21] vgl. Grohmann, 1967 S. 66 ff

[22] Grohmann, 1967 S. 66

[23] Grohmann, 1967 S. 71

[24] Grohmann, 1967 S. 89

[25] Grohmann, 1967 S. 98

[26] Grohmann, 1967 S. 104

[27] Amman, 1998 S. 115

[28] Amman, 1998 S. 8

[29] Amman, 1998 S. 14

[30] Amman, 1998 S. 8

[31] Amman, 1998 S. 113

[32] Amman, 1998 S. 113

[33] Amman, 1998 S. 8

[34] Amman, 1998 S. 8

[35] Amman, 1998 S.114

[36] Amman, 1998 S. 114

[37] Amman 1998 S. 114

[38] Yarshater, 1990 S. 694

[39] Yarshater, 1990 S. 696 ff.

[40] Amman, 1998 S. 114

[41] Grohmann, 1967 S. 1

[42] Abdalla, 1997 S. 16

[43] Grohmann, 1967 S. 2

[44] Grohamnn, 1967 S. 3

[45] Grohmann, 1967 S. 3

[46] Grohmann, 1967 S. 2

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