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Einleitung:

Im Jahr 570 n. Chr. gab es eine Expedition des abessinischen Heeres, die über Jemen hinaus ging und fast bis nach Mekka vordrang. Mit dieser Expedition kam der Elefant, ein bis dahin völlig unbekanntes Tier, nach Arabien. Der Elefant löste eine so unglaubliche Euphorie unter den Arabern aus, dass dieses Jahr das „Jahr des Elefanten“ genannt wurde . Das Jahr des Elefanten war auch das Jahr, in dem Mohammed geboren wurde.

Nach seiner Verkündung hatte Mohammed wie jeder andere Prophet mit Abweisung durch sein Volk zu kämpfen, was ihn im am 15.06.620 dazu zwang Mekka in Richtung Medina zu verlassen. Mit der Hedschra beginnt auch die islamische Zeitrechnung.

Die neue Lehre setzte sich jedoch in Arabien durch und am 01.11.630 gab es eine Rückkehr nach Mekka, um die Stadt vom Götzendienst zu reinigen. Diese Mission wurde erfolgreich zu Ende geführt und von nun an begann die Zahl der Moslems von Tag zu Tag zu wachsen.Schon früh kam es im Islam nach dem Tod Mohammads zu Streit um seine Nachfolge, was die erste Trennung in die beiden Hauptrichtungen, nämlich Sunniten (800 Millionen) und Schiiten (ca. 200 Millionen) bewirkte. Der Islam ist also keine Einheit. Er beinhaltet Strömungen, die gemäßigt und tolerant sind, aber auch solche, die seine Vorschriften äußerst streng interpretieren und einen hohen Grad an Intoleranz aufweisen.

Zu den prominenten Muslimen gehören so unterschiedliche Menschen wie der französische Fußballstar Zinedine Zidane oder der deutsche Grüne Cem Özdemir, der britische Schriftsteller Salman Rushdie oder das ehemalige Foto-Model Iman aus Somalia, der Pop-Star Tarkan aus der Türkei oder der Boxer Muhammad Ali aus den USA, die deutsche Society-Säule Begum Inaara, der zypriotische Couturier Hussein Chalayan oder der britische Sänger Cat Stevens alias Yusuf Islam. SIE SPRECHEN keine gemeinsame Sprache, sie haben nicht dieselbe Hautfarbe. Sie sind Sunniten, Schiiten, Sufis, Ismailiten, Alewiten, Wahhabiten, Salafiten. Es gibt traditionelle Muslime, marxistische, fanatische, mystische und solche, die gar nicht an Gott glauben. Nichts eint sie, außer dies: Sie selbst oder wenigstens ihre Eltern und Großeltern streben danach, die fünf Säulen des Islam zu erfüllen: das Glaubensbekenntnis "Schahada", das fünfmal täglich geforderte Gebet "Salat", das Fasten "Saum" im Monat Ramadan, die Entrichtung der Armenspende "Zakat" sowie, einmal im Leben, die Pilgerfahrt nach Mekka, den "Hadsch". 

Eine bei Sunniten und Schiiten gleichermaßen vorhandene Richtung, der sogenannte Fundamentalismus, will die Unterscheide auflösen und die zu Zeiten Mohammeds bestehende Einheit des Islam wieder herstellen. Dieser Fundamentalismus lehnt die „westliche Dekadenz“ ab und betrachtet eine westliche Lebensweise mit den Vorschriften des Islam als nicht vereinbar. „Gott wollte, dass Islam eine Religion sei“, schreib der ägyptische Verfassungsrichter Sayed el-Ashmawi, „aber die Menschen machten daraus eine Politik“.

Nach den Terroranschlägen des 11. September auf das World Trade Centre in New York ist der interkulturelle Dialog zwischen den Vertretern der „islamischen Welt“ bzw. des „islamischen Kulturkreises“ auf der einen, und der „westlichen Welt“ auf der anderen Seite notwendiger und zugleich belasteter denn je zuvor. Ausgehend von diesem Datum, das als Zäsur und tiefer Einschnitt wahrgenommen wird, werde ich versuchen die Perspektiven der Moderne in der islamischen Welt und die Rolle der Fundamentalisten in diesem Zusammenhang heraus zu arbeiten. 

Hierbei interessieren unter anderem folgende Fragestellungen:

- Markiert die neue Qualität des Terrors einen Wendepunkt, handelt es sich um die Verschärfung und Eskalation einer sich langsam anbahnenden Konfrontation im Kontext von Globalisierung und Marginalisierung?

- In welcher Weise beeinflussen die neuen politischen Allianzen sowie die militärischen Bündnisse und Reaktionen das Selbstverständnis und die Wirkungsmöglichkeiten der verschiedenen – liberalen wie fundamentalistischen – islamischen Strömungen und Positionen?                                                                                                            

- Welche Auswirkungen haben die jüngsten Ereignisse auf die Liberalisierungs- und Demokratisierungsprozesse in den Betreffenden Ländern?

Die Politisierung der Religion stellt die Grundlage für das Denken und Handeln religiöser Fundamentalisten in allen Weltreligionen dar, also nicht nur im Islam. Hieraus resultiert eine totalitäre Ideologie mit politischen Ordnungsvorstellungen, die jedoch das Gegenteil, nämlich Unordnung und Instabilität hervorruft. Im Islam existiert keine scharfe Trennung zwischen moralisch-ethischer und politisch-juristischer Doktrinen.

Die Politisierung der Religion ist eines der Kennzeichen des Zivilisationskonfliktes; sie resultiert im religiösen Fundamentalismus. Religion ist eine Ethik und ein Gottesglauben, politisierte Religionen hingegen sind Ideologien, die religiös-zivilisatorische Ordnungsvorstellungen predigen. Das ist der Inhalt des religiösen Fundamentalismus, der nach dem Kommunismus und Faschismus als neue übernationale Ideologie auf die Bühne der Weltpolitik getreten ist.


Islamischer Extremismus

Endziel des Fundamentalismus oder auch Islamismus ist die Errichtung eines islamischen Staates. Seine Anhänger verfolgen das Ziel, das Gesetz des Islam zur Grundlage des gesamten Lebens in der islamischen Welt zu machen. Gemäßigte Islamisten vertreten den Standpunkt, dass dieses Ziel auf gewaltfreiem Weg erreicht werden soll. Sie rechnen mit einer schrittweise eintretenden Reform in allen Bereichen der Gesellschaft, vor allem bei der Gesetzgebung, der Erziehung, im öffentlichen Leben und in der Wirtschaft. Demnach soll die Etablierung eines islamischen Staates erreicht werden durch:

- islamisierung der Gesetze, indem man Teile aus bestehenden Gesetzen entfernt, die nicht dem Geist der islamischen Ideologie entsprechen

- Reformierung der muslimischen Gesellschaft und Hinführung zu den früheren Generationen des Islams, indem die Gesellschaft von Einflüssen der westlichen Kultur befreit wird

- Reinigung des Erziehungssystems, damit junge Menschen mit den Werten des Islam vertraut gemacht und im Sinne dieser Werte erzogen werden könnenÄnderung des Wirtschaftssystems – alle Einnahmen des Staates sollen im Rahmen eines staatlichen Systems umverteilt werden.

Somit stehen Fundamentalisten dem Pluralismus und dem Mehrparteiensystem einer freiheitlich demokratischen Grundordnung im europäischen Sinne ablehnend gegenüber. Der Koran als einzige Richtlinie, der Vorrang des Islam und der allumfassende Unfehlbarkeitsanspruch dieses Glaubens stehen in unauflöslichem Widerspruch zu den in westlichen Rechtsordnung verankerten Grund- und Menscherechten.

Entsprechend ist der Terrorismus jetzt und weiterhin eines von vielen Mitteln, das die fundamentalistische Bewegung einsetzt, um einen universalen islamischen Staat zu schaffen bzw. die islamische Welt, von der für den Islam vernichtende Einflussnahme des Westen auf manche Länder, zu befreien.

Der verstorbene Ayatollah Bagher Al-Sadr predigte einst: „Die Welt von heute ist so, wie andere (= Ungläubige) sie geschaffen haben. Uns bleiben zwei Möglichkeiten: entweder sie demütig anzuerkennen, was dem Untergang des Islams gleichkäme, oder aber sie zu zerstören, auf dass wir die Welt so schaffen können, wie es der Islam fordert.“ Ein weiterer führender Theoretiker des Fundamentalismus, Mustafa Charman, erklärt: „ Für uns ist der Osten wie der Westen. Beides sind Feinde. Der Kommunismus ist uns genauso ein Feind wie der Liberalismus, Sozialismus und Demokratie. Wir kämpfen nicht innerhalb der heutzutage gängigen Herrschaftssysteme der Welt. Wir lehnen all diese Systeme ab.“

 Die Theoretiker des „Heiligen Terrors“ bezeichnen sich als die einzigen Repräsentanten des „wahren Islam“, des „einzigen wahren Glaubens“. Heiliger Terror existiert und ermordet unschuldige Menschen im Namen einer radikalen, verdrehten und engstirnigen Interpretation des Korans. Die Ideologen des „Heiligen Terrors“ bezeichnen den Westen als Quelle des Bösen und Verderblichen, als Land, in dem die „Sonne der Wahrheit“ untergeht, als dunklen Korridor zu einem Universum des Verderbens. Es bleibt jedoch erneut festzuhalten, dass der wahre Islam nichts mit Gewalt bzw. deren Verherrlichung zu tun hat. Für die Fundamentalisten gilt jedoch: Nicht der Islam soll modern sein, sondern die Moderne soll islamisch werden. Und was islamisch ist, bestimmen allein sie.

Nun geistert ein Gespenst durchs christliche Abendland, das Gespenst des einheitlichen, bedrohlichen, gewalttätigen Islam. Einer archaischen Religion der entrechteten Frauen, der Handabhacker, der Enthaupter, der mörderischen Märtyrer, geifernden Missionare und seiner diabolischen fünften Kolonne in Gestalt einer unsichtbaren fundamentalistischen Internationale mitten unter uns, bis hin nach Hamburg-Harburg. In dieser Horrorvision fällt den Muslimen die Rolle des Antichristen zu, wie einst den Juden, später den Kommunisten und zwischendurch den Freimaurern. In Vergessenheit gerät allerdings dabei stets, dass die ersten Opfer dieses Islams die Muslime selbst sind.

 Als Nährboden für fundamentalistische Bewegungen können die absolutistischen Herrschaftsformen vieler Länder, die Misswirtschaft und nicht zuletzt die wachsende ausländische Einflussnahme auf die Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und kulturelle Werte angesehen werden. Ein weiterer wichtiger Faktor in diesem Zusammenhang sind die ehemaligen europäischen Kolonialmächte, die tiefes Misstrauen in den ehemaligen Kolonialländern hinterlassen haben. Der soziale Wandel, der mit dem europäischen Kolonialismus initiiert wurde, wird von den Fundamentalisten als extern ausgelöster Wandel verteufelt. Das Problem ist, dass viele diese Länder Europa als militärisch überlegenes Kolonialsystem erfuhren. In seiner Identität bedroht glaubt man, alle Probleme der Gesellschaft seien durch die Berührung mit dem Westen entstanden, und so gilt Rückbesinnung auf die vormaligen Sozialstrukturen und das Wiederherstellen der ‚Islamischen Ordnung’ als die Zauberformel. Es ist unbestritten, dass die europäischen Kolonialmächte nur in ihrem eigenen Interesse gehandelt haben und sogar bei ihrem Abzug den größt möglichen wirtschaftlichen Gewinn erzielen wollten.


Ziele der Extremisten:

Islam stellt der Lehre nach – etwa im Gegensatz zum Judentum oder Hinduismus - eine universelle Religion dar, die entsprechende Ansprüche pflegt. Daraus leiten die Fundamentalisten einen Geltungsanspruch für die ganze Welt, das heißt für die gesamte Menschheit, ab. Somit resultiert die Politisierung dieses Universums in dem Anspruch auf eine islamische Weltordnung -  anders als etwa im jüdischen Fundamentalismus, der sich mit einem Großisrael begnügt, oder dem Hindu-Fundamentalismus, der nur Großindien, also nur eine lokale oder regionale Ordnung anstrebt. Die Extremisten verfolgen das Ziel, mittels Terror die Position des Westens, insbesondere der Vereinigten Staaten von Amerika, die sie als ihren größten Feind im Bunde der Ungläubigen betrachten, zu schwächen. Einige von Ihnen gehen über dieses Ziel hinaus und predigen die Tötung der Feinde Allahs. Sie stellen somit die Ungläubigen vor die Wahl, sich entweder zum Islam zu bekehren oder zu sterben. Sie sehen sich also als die einzigen wahren Krieger des einzigen wahren Glaubens. Dieses Gefühl der Exklusivität hält sie sogar von rein taktischen Bündnissen mit anderen Ländern oder politischen Gruppierungen, die das gleiche Ziel wie sie – nämlich die Untergrabung der Vormachtstellung Amerikas und die Wahrung der eigenen Identität etc. -  verfolgen ab. Terrorisiert von ihrer Sicht der heutigen Welt, suchen die Fundamentalisten Sicherheit und Schutz in einer Vergangenheit, die es eigentlich so, wie sie es sich heute vorstellen, nie gab. Diese Lebensangst verbindet sich mit dem Hass gegen diejenigen, die für die heutigen Missstände verantwortlich gemacht werden. Hinzu kommt die Überzeugung, für das Richtige zu kämpfen und diese Kombination lässt die Jünger der Fundamentalisten den Tod für den wahren Glauben anbeten. Bevor jedoch die gesamte Welt erobert und islamisiert werden kann, müssen die einheimischen Ungläubigen beseitigt werden. So sind wie bereits angesprochen die ersten und die meisten Opfer der Fundamentalisten in erster Linie Muslime im eigenen Land.

Um die Ziele der Fundamentalisten zu verwirklichen, bedarf es mehrere Schritte. Der erste ist der des tazkiah: Das rebellische Ich, das in jedem existiert muss unter Kontrolle gebracht werden. Ansonsten werden selbst die standhaftesten Gläubigen gefährdet sein. Stimmen raunen ihnen etwas zu, laden sie ein, die Freuden des Lebens zu genießen, fordern sie auf, fröhlich zu sein und Allah zu vergessen. Der zweite Schritt ist der des takfir, das heißt, mit dem Finger auf Dinge oder Personen zu zeigen, die sich nicht nach den Gesetzen des Islams richten. Derjenige, der mit dem Finger des takfir auf eine Person oder eine Personengruppe deutet, die sich weigert, das Licht des Islam zu sehen und danach zu leben, unterschreibt das Todesurteil dieser Person oder dieser Gemeinschaft. Denn dem Schritt des takfir muss nun der des tathir folgen, was soviel wie Reinigung bedeutet. Dieser dreistufige Prozess der Selbstreinigung wurde vom totalitären Regime des Ayatollah Khomeini perfekt ausgeübt und wird an dem Beispiel Afghanistan gut ersichtlich. Erst wenn dieser Prozess vollzogen ist, können sich Fundamentalisten deren höheren Aufgaben gegen den Westen widmen. Dabei heiligt der Zweck die Mittel, denn wichtig bei jeder ihrer Aktionen ist ihre niyyah, die Absicht. Kein Mittel braucht im Dienste des Islam gescheut werden, solange es mit einer reinen niyyah geschieht. Das angestrebte Ziel ist eine „Weltmacht Islam.“Den islamischen Fundamentalisten fehlen aber in Wirklichkeit sämtliche Voraussetzungen, um ihren politischen Traum von der imperialen Größe des Islams zu verwirklichen. Sie können jedoch destabilisierend wirken und eine politische Unordnung hervorrufen, von der nur einige wenige profitieren. Aus diesen Gründen nimmt man die islamischen Fundamentalisten in der heutigen Weltpolitik sehr ernst.

Osama Bin Laden spielte eine zentrale Rolle im Rahmen des Afghanistan-Krieges gegen die Sowjetunion, da er als reicher Sponsor der Afghanen und durch seine antikommunistische Haltung eine große Sympathie seitens der CIA genoss. Der von der CIA voll und ganz unterstützte Afghanistan-Krieg trug einen erheblichen Anteil zum Zerfall der Sowjetunion bei. Auf dieser Tatsache bauen Fundamentalisten wie Bin Laden ihre Illusion in bezug auf den Niedergang des Westens, an dessen Platz eine „Weltmacht Islam“ treten soll, auf. 


Globalisierung, Modernisierung und damit verbundene Probleme:

Es wird die These vertreten, dass in der Zukunft die Menschheit das Entstehen einer sogenannten „universalen Zivilisation“ erleben würde. Gemeint ist das kulturelle Zusammenrücken der Menschheit und die zunehmende Akzeptanz von gemeinsamen Werten, Überzeugungen, Orientierungen, Praktiken, Zielen und Institutionen durch Völker in der gesamten Welt. Es gibt jedoch Menschen in den Moslemischen Ländern, die das Eindringen westlichen Gedankenguts und Konsumgüter als Verfall der eigenen kulturellen Werte betrachten. Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt ist, ob das, was aus der Sicht des Westens als Modernisierung betrachtet wird, in der Tat einen Zerfall manch anderer Werte der betroffenen Kulturkreisen bedeutet oder nicht? Die Europäer müssen sich wirklich keine Sorgen machen. Viel gefährlicher ist unsere Botschaft für Gesellschaften, die nicht so stabil sind. Und die ohnmächtig mit ansehen müssen, wie die amerikanische Kultur all ihre Werte umstülpt, sie selbst aber keinerlei Einfluss auf Amerika haben. Man könnte also behaupten, dass der Islamische Fundamentalismus fast überall ein Produkt der Globalisierung der Moderne und eine Reaktion auf sie sei. An dieser Stelle möchte ich ein Beispiel aus dem Iran bringen, das vielleicht zur Klärung der oben gestellten Fragen beitragen könnte.

Beispiel: Die Islamische Revolution im Iran

Der geistliche Revolutionär, Ayatollah Ruhollah Khomeini, vollendete sein Lebenswerk im Alter von etwa 77 Jahren, indem er - einmalig in der Geschichte Persiens ­ dem Schah die "von Gott erforderliche" Legitimation absprach. Die Regierung antwortete mit Predigtverboten, Verhaftungen und letztendlich mit Exil, doch Khomeinis Worte verbreiteten sich landesweit und erzielten die erhoffte Wirkung.

 Die „Islamische Revolution“  beendete im Frühjahr 1979 die Herrschaft der Pahlawi-Dynastie über Persien, Khomeini ließ sich zum unantastbaren Revolutionsführer ausrufen und legte so gut wie alle Entscheidungsbefugnisse in die Hände der schiitischen Rechtsgelehrten, was eine Einmaligkeit in der damaligen islamischen Welt darstellte. Eine "Islamische Republik Iran" wurde ausgerufen, die sich im nachhinein um einiges repressiver zeigte als das totalitäre Schahregime. In diesem islamischen Gottesstaat sind die Menschen dem Willen Allahs und seinen Vertretern auf Erden untergeordnet. Zur Durchsetzung ihrer Ziele haben die Mullahs die Ausschaltung jeglicher Opposition – im In- oder Ausland – befohlen. Das endgültige Ziel der „Islamischen Revolution“ im Iran war es jedoch diese in andere Länder der Welt zu exportieren, um die gesamte Welt zu islamisieren. Iran als „erster befreiter Teil der islamischen Welt“ sei verpflichtet, anderen unterdrückten Muslimen zu helfen, eine Regierung nach dem iranischen Vorbild zu erlangen.

Während seiner Herrschaft über den Iran führte der Schah eine Reihe von Reformen zur Verbesserung der Wirtschaft und des Lebensstandards durch. Ziel dieser Reformpolitik war, Persien in jeglicher Hinsicht zu einer fortschrittlichen, modernen Nation nach westlichem Vorbild zu  verwandeln. Einer der wohl bedeutendsten Ausdrücke in diesem Zusammenhang ist die in den sechziger Jahren ins Leben gerufene „Weiße Revolution“.  In jenen Tagen war es das erste Mal, dass Ayatollah Khomeini sich wagte, in die politische Öffentlichkeit vorzutreten. Er verfasste einen Brief an den Schah, in dem er ihm den Bruch der Reformen mit dem Islam verdeutlichen wollte. Dieser Brief und die sich parallel ereigneten Unruhen beeinflussten das Inkrafttreten der Reformen jedoch nicht. Die „Weiße Revolution“ stieß nicht nur bei den Religionsgelehrten und Islamisten, sondern auch bei einem breiten Kreis der Bevölkerung auf Ablehnung, da viele der aus dem Westen importierten Modernisierungsmaßnahmen, nicht in das Wertesystem der v.a. ländlichen Bevölkerung Irans integriert werden konnte. Der Fortschritt, den der Schah anstrebte, schien trotz den Protesten in den folgenden Jahren festen Fuß zu fassen. Die äußeren Fassaden des Stadtbildes ähnelten immer mehr dem Westen. Banken, multiinternationale Konzerne, glänzende Hochhäuser und riesige Industrieanlagen begannen aus der Erde zu sprießen. Somit waren die traditionsgebundenen Landflüchtige, entwurzelte Individuen ohne eigene Identität im Zuge der Modernisierung, die neben der Armut auch noch unter den kulturellen Verfall zu leiden hatten. Viele von Ihnen schwankten zwischen Religiosität und modernem Gedankengut und stellten somit eine Einheit der sich scheinbar widersprechenden Gegensätze dar.

Während für viele Frauen das Frauenwahlrecht und sonstige zunehmende Rechte der Frauen, steigende Zahlen der erwerbstätigen Frauen, Entschleierung etc. ein Ausdruck des gesellschaftlichen Fortschritts und Befreiung darstellte, empfanden viele traditions- bzw. religionsgebundene Menschen die Art und Weise, wie sich die Moderne persische Frau präsentierte als dekadent, unehrenhaft ja unislamisch. Die sozialen Krisen im Land waren Ausdruck der Unzufriedenheit der breiten Masse mit dem bestehenden System und den sozialen Missständen, verschärft durch den zu schnell voranschreitenden Wandel im Zuge der Modernisierungsmaßnahmen der „Weißen Revolution“. Der Verfall der traditionellen Kultur und die Entfremdung Irans aufgrund des Eindringens ausländischen Gedankenguts und Kapitals führte zu einer kulturellen und materiellen Verarmung einer breiten Bevölkerungsmasse. Die aus dem Westen importierte Modernisierungsmaßnahmen passten nicht in das Wertesystem vieler Iraner. Das vom Schah verfolgte Konzept eines Säkularstaates nach westlichem Vorbild stand im Widerspruch zu den gesellschaftspolitischen Konzepten der Zwölfer-Schi’a.

Wut der Massen auf USA

 Geblendet von der Überlegenheit ihrer Wirtschaft, ihrer Technik, ihrer Gesellschaftsordnung, hatten die Amerikaner das tiefe Misstrauen in weiten Teilen der Welt gegen ihren "Way of life" gar nicht mehr zur Kenntnis genommen. Nun geht in der pakistanischen Stadt Islamabad ein Schnellrestaurant der US-Imbiss-Kette "Kentucky Fried Chicken" in Flammen auf. In Makassar und Yogyakarta in Indonesien verwüsten Demonstranten McDonald's-Filialen. Coca-Cola-Manager fürchten um den Absatz ihrer Limonade, seit ein muslimischer Mob Werbetafeln in mehreren Ländern umstürzte. Und überall in der islamischen Welt werden Strohpuppen des US-Präsidenten und Sternenbanner verbrannt. "Weshalb sie Amerika hassen" - das Thema war dem Nachrichten-Magazin "Newsweek" in der vergangenen Woche eine Titelgeschichte wert. Und das Konkurrenzblatt "Time" erschien mit der ratlos klingenden Frage "Wer kann die Wut stoppen?" Denn es sind nicht bloß ein paar Verblendete, die den Hass auf Amerika und seine Verbündeten predigen. Während die einen durch die Straßen von Quetta oder Gaza ziehen und unter Bin-Laden-Postern "Tod den Ungläubigen" skandieren, sitzen andere beim Cappuccino im "Starbucks" von Doha am Persischen Golf oder bei süßem Tee in einem Cafe des feinen Kairoer Vororts Heliopolis und können eine klammheimliche Freude nicht verhehlen. Die Genugtuung kommt nicht von ungefähr. Seit jeher fühlen sich vor allem arabische Muslime vom Westen erniedrigt, ausgegrenzt, nicht ernst genommen. "Wir alle", befand während der Islamischen Weltkonferenz der katarische Außenminister Hamad al-Thani, "sollen uns jetzt am Krieg gegen den Terrorismus beteiligen, weil die Amerikaner attackiert wurden. Aber wenn es Opfer unter den Palästinensern gibt, kümmert das niemanden." Es ist vor allem die selektive Art amerikanischer Außenpolitik, hier Menschenrechte einzufordern und dort korrupte Potentaten an der Macht zu halten, mal von Demokratie zu reden und dann wieder knallhart die Interessen der Öl-Industrie zu unterstützen, die viele bis aufs Blut reizt. Der Frust ob all der Ohnmacht, gepaart mit kulturellem Stillstand und dem Fehlen jeglicher Demokratie im eigenen Land, bildet den idealen Nährboden für den islamischen Extremismus. Und für Verschwörungstheorien. "Wir spüren immer mehr brennenden Zorn", ergänzt ihr Mann. Zorn über den Westen, der "uns Islamisten nun weltweit in die Ecke des Terrorismus stellt, obwohl wir strikt gegen Gewalt sind". Zorn über die autoritären Herrscher im Nahen Osten, die sich "nur mit Hilfe des Westens an der Macht halten, islamische Werte verraten und uns Gläubige nun für ihre Sünden bestrafen lassen." Und Zorn über die "Dummheit und Arroganz Amerikas und seiner Verbündeten, die mit ihren unbewiesenen Behauptungen Osama bin Laden erst zum großen Helden gemacht haben". Der amerikanische Politikwissenschaftler Ronald Steel sagte: „Sie hassen uns, weil wir für eine so genannte neue Weltordnung eintreten, in der unsere Art von Kapitalismus, Individualismus, von Weltlichkeit und Demokratie überall die Norm sein soll. Diese Globalisierung amerikanischer Werte entwurzelt Gesellschaften und bedroht Kulturen. Die USA tun sich schwer damit, zu erkennen, dass sie eine zutiefst revolutionäre Kraft sind.“ In einer Welt, in der Amerika versucht die One-World-Politik durchzusetzen, wobei die Vereinigten Staaten selbst die Spitze der weltweiten Machtpyramide besetzen soll, wird natürlich USA als der Feind Nr. 1 . in den Reihen der Fundamentalisten betrachtet, die ihre Religion und andere kulturelle Werte bedroht sehen und die absolute geistige sowie wirtschaftliche Abhängigkeit ihrer Länder von den vereinigten Staaten verhindern möchten. Länder, die sich gegen diese One-World-Politik wehren, werden boykottiert, marginalisiert und sollen somit zur Unterordnung gezwungen werden.


Zukunft des Islamismus

Im Laufe der Jahre wurden die Gegenstimmen zum totalen Islamismus in vielen islamischen Ländern dieser Welt immer lauter. So erschien in z.B. in Ägypten das Buch „Nein zu Scharia“, dessen Autor Faradsch Fada seinen Titel so kommentierte: „ Für eine moderne Gesellschaft hat der Islam politisch nichts anzubieten und soll daher nicht in die Politik hineingezogen werden. Anstatt sich in langatmige Diskussionen zu verticken, müssten wir, als denkende Menschen, nut zusammen rufen: Nein zu Scharia!“ Viele andere intellektuelle der islamischen Welt betrachten die Scharia in der Tat für heutige moderne Gesellschaftsformen als ungeeignet, da sie aus deren Sicht eine Sammlung reaktionärer Stammesregeln für die zu Lebzeiten von Mohammad bestehenden Verhältnisse sei.. Andere islamische Länder und vieler deren Intellektuelle begrüßten anfangs die Revolution im Iran und sahen darin eine Chance, ihre Länder vom großen Einfluss der westlichen Welt zu befreien. Nach einigen Jahren jedoch distanzierten sie sich eher davon, da sie die Entwicklung der Regierung und die wirtschaftlichen sowie außenpolitischen Konsequenzen der Revolution beurteilt hatten.


Beurteilung des Islams:

Den Islam, "das erste Opfer des Fundamentalismus in seiner Mitte", so Marwan Bishara, Dozent an der American University in Paris, auf die Mörder des 11. September zu reduzieren ist so, als würde man das Christentum reduzieren auf das Massaker an 8000 unbewaffneten Muslimen in Srebrenica während des Bosnienkriegs. Dies ist kein Krieg der Religionen, wie viele behaupten. Islam und Christentum sind in der Geschichte oft gut miteinander ausgekommen, historisch gesehen war der Islam toleranter als das Christentum. Dies ist der Krieg der Traditionalisten gegen die Modernisierer. Es ist ein Konflikt über politische, ökonomische und kulturelle Selbstbestimmung. Es haben ja nicht ungebildete Bauern aus rückständigen Gebieten zugeschlagen, sondern gebildete Leute, die oft jahrelang unter uns gelebt haben. Und wir müssen uns fragen: Warum halten sie uns für die Wurzel der Unterdrückung und des Bösen? Mit unserer großartigen Rhetorik haben wir wohl hohe Erwartungen geweckt, aber sie oft durch unsere Taten zerstört. Nach dem Tod des Propheten Mohammad im Jahr 632 n. Chr. waren die Muslime zunächst völlig ratlos, weil weder der Gesandte Gottes, noch der Koran auch nur ein einziges Wort über eine islamische Ordnung oder gar über die Nachfolge des Propheten verkündet hatte. So beschlossen die führenden Muslime der damaligen Zeit, dass die vom Mohammad geschaffene islamische Gemeinschaft (Umma) von einem einzigen Imam anzuführen sei. Rein religiös ist der Imam ein Vorbeter, im Kalifat (die von einem islamischen Herrscher getragene Ordnung, die die Tradition des Propheten fortführen soll) ist er jedoch ein politischer Führer, obwohl dies nicht im Koran steht. Bereits im Todesjahr des Propheten begann der Kampf unter den Muslimen auf der Suche nach dem wahren Imam, woraus letztendlich die Spaltung in Schiiten und Sunniten resultierte. Es herrscht also seit dem Tod Mohammads keine Einigkeit über den wahren Imam. Seither erfolgte die Verknüpfung von Religion und Politik im Islam, die während des Hochislam des Mittelalters vor allem von den Sufis, die die Religion als Liebe, nicht als Gottesgesetz gedeutet haben und den Rationalisten, die ebenfalls zwischen Religion und Politik eine Trennung machten und den Islam als Ethik verstanden haben und keinen Widerspruch zwischen religiösem Glauben und dem Primat der Vernunft gesehen haben, nicht akzeptiert werden wollte. Doch die islamische Orthodoxie gewann und behielt im Laufe der Geschichte die Oberhand und ertickte somit die „islamische Aufklärung“ bereits im Keim.


Gewalt und Terrorismus im Orient

Thomas Scheffler:

Politische Kulturen sind immer auch „Angstkulturen“. Jede konkrete politische Ordnung beruht auf der Ausschaltung anderer Ordnungsmöglichkeiten, die als unterschwelliges, chaotisierendes Angstpotential erhalten bleiben und bekämpft werden müssen. Das Gewaltmonopol des modernen Staates in Europa bildete sich heraus in der historisch einzigartigen Trennung „privater“ Verbände und Personen von ihren Macht- und Gewinnmitteln. Die Monopolisierung der legitimen Gewalt durch den Staat zog nicht nur eine scharfe Trennlinie zwischen Militär und Zivilbevölkerung, Staat und Gesellschaft, sie schuf auch einen homogenen, innergesellschaftlichen Friedensraum, in dem Blutrache, Fehde, Raub und andere Formen gewaltsamer Selbstjustiz, Bereicherung und Prestigeakkumulation geächtet waren und durch unheroische, gewaltlosere Formen der Auseinandersetzung ersetzt wurden. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, den oben genannten Prozess als eine sublime Zähmung des kollektiven und individuellen Gefühlslebens im Sinne gesteigerter Affektkontrolle oder Selbstbeherrschung gegenüber spontanen Wut- und Gewaltsausbrüchen zu verstehen.  Der britische Staatsphilosoph Thomas Hobbes erkannte dies sehr früh und verdichtete diese Zusammenhänge in seinem mythologischen Bild von Leviathan. Die Menschen entäußern sich gemeinsam aller persönlicher Machtmittel, um in der allmächtigen Figur eines künstlichen „großen Menschen“, dem absoluten Staat, aufzugehen. Sie begeben sich aus Furcht vor den Unsicherheiten eines Krieges aller gegen alle, in eine Situation absoluter Ohnmacht und bekommen dafür eine Garantie absoluter Sicherheit.

Diese Konstruktion produziert und verdrängt freilich zugleich drei neue Ängste:

1)      Die Angst, dass der absolute Staat sein Sicherheitsversprechen nicht erfüllen könne

2)      Die Angst, dass einzelne Privatpersonen sich nicht an ihr Ohnmachtsversprechen halten

3)      Die Angst, dass die vertragstreuen Zivilisten, die auf ihre persönlichen Verteidigungsmittel verzichtet haben, um so leichter Opfer von Gewalt werden könnten

 Es sind gerade solche schlafenden Ängste, die durch private Terroranschläge geweckt werden. „Erfolgreich“ durchgeführte Terroranschläge auf zivile Ziele wie Flugzeuge, Schiffe, Diskotheken, Kinos oder Busse demonstrieren die Störbarkeit der nur scheinbaren allmächtigen Staatsmaschine durch entschlossene Privatpersonen. Sie entwerten die Anpassungsmöglichkeiten der Bürger und führen ihnen ihre Schutzlosigkeit im Alltag vor Augen.

In den orientalischen Ländern hat es eine vergleichbare innere Zentralisierung der Macht bis ins 20. Jahrhundert hinein nicht gegeben: die hier vorherrschenden, weite Räume locker integrierenden Großreiche schlossen jene intensiven kriegerischen Verwicklungen und permanenten Rüstungswettläufe auf kleinem Raum aus, die im politisch ungeeigneteren Westeuropa schließlich den modernen, technologisch durchorganisierten nationalen Machtstaat hervorgebracht haben. Die Überlagerung der nahöstlichen Region durch immer neue Wellen fremder Eroberer ließ eine Identifikation von Staat und Bürger nur selten zu. Weit davon entfernt, dienender Schutzherr der Bevölkerung zu sein, war der Staat über weite Strecken Organ fremder Herrscher, eine Brutstätte von Bedrückung, Unterdrückung und Korruption. Die monotheistischen Religionen der Region, insbesondere der Islam, verstärkten die Distanz der Bevölkerung zum Staat noch insofern, als sie irdische Macht grundsätzlich einem höheren göttlichen Gesetz unterordneten und damit von dort aus kritisier- und angreifbar machten.

Die gewaltsame Beseitigung missliebiger Herrscher war unter solchen Bedingungen nichts Außergewöhnliches. Vor allem aber hing unter den Bedingungen schwach legitimierter Zentralstaaten die Sicherheit der Bevölkerung bis ins 20. Jahrhundert hinein zu großen Teilen von der Fähigkeit partikularer Verbände ab, sich selbst zu schützen. Die Möglichkeit, in Frieden zu leben, hing entscheidend vom Respekt ab, den die Kampfkraft der eigenen Gemeinschaft den anderen gegenüber genoss. Der Ruf, gewaltfähig zu sein, war zentraler Bestandteil der eigenen kollektiven Ehre. Die zentrale Grundangst der darauf aufbauenden politischen Kultur bestand darin, diese Ehre zu verlieren. Diese Angst wurde bewältigt, indem man die Gewaltfähigkeit der eigenen Gruppe immer wieder in Worten und (wenn möglich) in Taten zur Schau stellt. Eine strickte Trennung kollektiver und individueller, öffentlicher und privater, bewaffneter und unbewaffneter Sphäre oder gar ein herausgehobener, positiver Begriff vom schutzlosen und schützenswerten „Zivilisten“ konnte sich unter diesen Bedingungen nur ungleichmäßig und nur in Ansätzen herausbilden. Wichtiger war die Zugehörigkeit zu einer wehrfähigen Familien-, Stammes-, Orts-, Religions-, oder Klientelgemeinschaft.

Die hier umrissene idealtypische Unterscheidung zwischen zwei „Angstkulturen“ kann nur als erstes Orientierungsmodell verstanden werden, das im Einzelfall zu relativieren und weiter zu differenzieren ist. Wichtig ist, dass diese Modell jeweils unterschiedliche öffentlich-normative und psychisch-emotionale Bewertungen von privater und staatlicher Gewalt in den betreffenden „Angstkulturen“ begründet. Wichtig ist ferner, dass die entscheidenden Elemente dieser Unterscheidung, nämlich das unterschiedliche Ausmaß staatlicher Zentralisierung und innergesellschaftlicher Expansion des Staates, weder auf den weit älteren Gegensatz vom Christentum und Islam zurückgeführt noch dauerhaft auf bestimmte „Kulturerdteile“ beschränkt werden können.

Bezeichnenderweise hat die Vision vom kommenden „Kampf der Zivilisationen“ gerade in einer Zeit Zuspruch gewonnen, in der die globale Mobilität von Menschen, Ideen und Finanzen die räumlichen Grenzen zwischen „orientalischer“ und „okzidentaler“ Gewaltkulturen zunehmend verwischt. Nicht selten werden islamistische Bewegungen im Nahen Osten heute finanziell und ideell von westlichen Ländern aus unterstützt und zum Teil von dort gesteuert werden. „Orient“ und „Okzident“ werden in wachsendem Maße zu aterritorialen und deshalb universal anwendbaren polemischen Zuschreibungskategorien in den inneren Auseinandersetzungen der Weltgesellschaft. Die stereotype Verknüpfung von Islam und Terrorismus ist ein besonders problematisches Resultat solcher Zuschreibungen, nicht nur, weil sie Hexenjagd auf die Muslime begünstigt und damit ignoriert, dass der Terrorismus heute ein internationales Phänomen ist, das an keine bestimmte Kultur oder Religion gebunden ist, sondern auch, weil sie außer acht lässt, wie sehr gerade Muslime Opfer terroristischer Gewalt sind, nicht nur in Bosnien oder Indien, sondern auch im Nahen Osten selbst, und schließlich, weil sie durch die Konzentration auf den Terrorismus im islamischen Raum die wichtigere Frage nach den Ursachen politischer Gewalt in dieser Region überblendet. 


Fazit

Der Westen bleibt zwiegespalten, wie mit dem neuen „islamischen Terrorismus“ zu verfahren sei. Einige Intellektuelle versuchen diesen Terrorismus mit dem Verweis auf die „Verheerung des Kolonialismus“ und die „Suche nach der Identität“ zu erklären und damit hinwegzuerklären. Die Argumente einiger westlicher Politiker, den Terror mancher islamischen Staaten als Reaktion auf frühere koloniale Beziehungen zurückzuführen, ist eher unbefriedigend. Zum größten Teil sind die Opfer solcher terroristischer Aktivitäten in erster Linie Moslems. Die terroristische Bewegung, die sich „islamisch“ nennt, schöpft aus einem riesigen Reservoir an Frustration, Hass, Furcht, berechtigten Klagen, unberechtigten Forderungen und irrationalen Erwartungen. Die Folge: ein großes Maß an negativer Energie im Nahen Osten, das sich in den vergangenen fünfzig Jahren auf ganz verschiedene Weise entladen hat. Was wir erleben ist jedoch kein Duell zwischen Ost und West, sondern ein Krieg, der von islamischen Fundamentalisten gegen die moderne Welt geführt wird, einschließlich großer Teile der moslemischen Gesellschaft, die als „verwestlicht“ beschrieben werden.

Ein gewisses Maß an Gewalt ist wohl in allen Gesellschaften unvermeidlich, die von sozialer Ungerechtigkeit, religiösem Vorurteil, politischer Instabilität und fehlenden staatsbürgerlichen Einrichtungen und Traditionen beherrscht werden. Unschuldige, über die es doch im Koran heißt: "Wer einen umbringt, es so sei, als habe er alle Menschen umgebracht. Wer andererseits eines einzigen Menschen Leben rettet, sei angesehen, als habe er das Leben aller Menschen erhalten." Nein, es ist ein Konflikt zwischen einer spezifischen extremistischen islamischen Gruppe, die auf militante Weise versucht, auf westlicher Seite eine Politikveränderung herbeizuführen. Das hat mit dem Islam nichts zu tun.Dennoch muss festgehalten werden, dass es im 21. Jahrhundert keine Imperien mehr, dafür aber viele regionale Konflikte mit geopolitischer Bedeutung geben wird, die Unordnung, Instabilität und Zersplitterung in unsere Welt bringen werden.

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